Wohnen & Einrichten
Von der Stadt aufs Land – und zurück?
Laura Wagner zog von Berlin mit ihrem Partner in ein kleines Dorf – und als Single zurück in die Stadt. Ist das Landleben doch nicht so idyllisch wie die Vorstellung?
von Laura Wagner - 01.04.2025
Während der Corona-Pandemie im Lockdown fragte ich mich einmal mehr, warum ich mich nicht von der romantischen Fantasie des Landlebens lösen konnte, und verspürte den Drang, endlich Nägel mit Köpfen zu machen und mutig genug zu sein, um den Ausstieg zu versuchen. Also entschied ich mich 2022 dafür, meinen gesamten Hausstand samt Ehemann Max und unseren ausgelaugten Großstadt-Ichs umziehen zu lassen. Und zwar nicht eben mal von Berlin-Schöneberg in den Stadtteil Wedding, sondern weg vom Urbanen in ein kleines Dorf in der bayrischen Oberpfalz mit 200 Einwohner:innen. Raus aus dem pulsierenden Leben, ab ins Beet – und das mit Anfang 30.
In Berlin hatte ich oft das Gefühl, im Strom der unendlichen Möglichkeiten mitschwimmen zu müssen. Das Überangebot war grenzenlos – beispielsweise in der Kultur, wenn es um Partys oder um Konsum ging. Noch dazu eilte ich jeden Morgen zu meinem Job als stellvertretende Marketingleitung in der Staatsoper „Unter den Linden“, mit einem Grünkohl-Smoothie im Recup-Becher in der Hand, ganz wandelndes Großstadt-Klischee. Fomo – die Angst, etwas zu verpassen – war meine treue Begleiterin.
Corona drückte dann auf einmal den Reset-Button und legte auch das pulsierende Großstadtleben lahm. Und in der Stille war plötzlich jede Menge Raum für die Frage: „Soll das alles ewig so weitergehen wie bisher?“ Der Schluss, zu dem ich immer wieder fand, war: „Ich brauche Veränderung und muss raus aus der Großstadt.“

Der Abschiedsschmerz sorgte für eine Entscheidung:

Silvester 2021/2022 feierten Max und ich in bayrischer Idylle auf dem stillgelegten Bauernhof meiner Großmutter Cilli. Die Familie war da und die Zeit vor Ort tat uns unheimlich gut. Wir machten Pasta selber, pulten Erbsen aus Schoten, der Holzofen brannte und die Tage beendeten wir mit einem Verdauungsspaziergang durch die schöne Natur. Als die Feiertage vorbei waren und die Rückreise nach Berlin anstand, hatte ich wenig Energie und Motivation für unseren 500 km entfernten Alltag, der laut, voll und fordernd war.
Ein paar Tage später auf der Autobahn gen Hauptstadt sprudelte ungebremst aus mir heraus, worüber ich die letzten Tage gegrübelt hatte:

„Eigentlich will ich lieber dableiben, in Bayern. Auf dem Bauernhof. Will Ruhe. Gemüse anbauen und bei der Holzernte im Winter helfen.“ -

Max bestätigte zwar, dass es ihm ähnlich ging, aber ich war mir in dem Moment nicht sicher, ob er mir nur nicht diesen Wunsch abschlagen wollte oder es tatsächlich so meinte. Wieder in Berlin angekommen schrieben wir Pro-und-Kontra-Listen, setzten radikale Sparpläne auf, damit wir die ersten Wochen mit wenig oder kaum Einkommen überbrücken konnten, und organisierten Max vor Ort einen Ausbildungsplatz. Auch er wollte nicht weitermachen wie zuvor und nicht weiter ein Teil der Immobilienbranche sein. Also bewarb er sich auf eine Stelle bei den Bayrischen Staatsforsten und entschied sich dafür, das Handwerk des Forstwirts von Grund auf zu lernen. Bäume statt Wohnungen, Harvester-Schneisen statt Häuserschluchten. 

„Im Herbst 2022 ließen wir Berlin zurück und strebten einem naturverbundenen Leben entgegen – mit mehr Freiheit und mehr Selbstversorgung.“ -

Wir zogen also in die Oberpfalz auf den alten Bauernhof meiner Oma in ein 200-Seelen-Dorf. Meine Oma Cilli wohnte inzwischen alleine auf dem Hof, bekam aber regelmäßig Hilfe von meinen Eltern und von meinem Onkel, die im 60 Kilometer entfernten Regensburg lebten. Bewirtschaften konnte Cilli die Gärten, Felder und Wälder schon seit längerem nicht mehr. 
Mir war bewusst, dass es ein Geschenk war, mit den vorhandenen Ressourcen von Hof und Wald Erfahrungen sammeln zu dürfen, und ich war gespannt, wohin diese Reise führen würde. Oma Cilli und die übrige Verwandtschaft freuten sich über unseren Umzug und unterstützten unser Vorhaben. 

Selbstversorgung – können wir das überhaupt?

Es stellte sich heraus: bis zu einem gewissen Grad: ja. Wir hegten nie den Anspruch, ausschließlich von dem zu leben, was unser Garten oder unser Wald hergaben, aber ein Mindestmaß konnten wir durch Ernteerfolge abdecken. Die Ausbeute war natürlich auch immer an unserem Arbeitseinsatz messbar, der gerade am Anfang erheblich war, weil wir uns vieles erst aneignen mussten. 
Gartenreferenzen hatte ich keine vorzuweisen, mir fehlte jegliche Erfahrung und ich hatte keinen blassen Schimmer, was wann reif war, aktiv vom Baum gepflückt oder als Fallobst beispielsweise für Säfte und Gelees verwendet werden kann. Das Wissen eignete ich mir mit viel Arbeit, Recherche und Ausprobieren an. Nach einem ersten Rundgang durch die Gärten vor Ort sammelte ich alle möglichen Informationen über den Obst- und Gemüseanbau zusammen und erstellte Pflanz- und Erntepläne.
Oma verfolgte meine Vorhaben unterdessen amüsiert und fand meine To-do-Listen sehr ambitioniert. Dank der Ernteerfolge konnte ich mir viele neue Rezepte ausdenken, lernte alles über Pilze, Walnussbäume, Jahreszeiten, Trockenfisch und über die unberechenbaren Launen der Natur.
Aber wir hatten auch so einige Misserfolge, die uns oft an dem ganzen Experiment zweifeln ließen: Kälte, ausbleibender Regen, ein heißer Sommer, schlechte Bodenverhältnisse und Schädlinge bestimmten allzu oft unseren Alltag und es galt immer wieder, Lösungen zu finden. 
Nach ein paar Monaten stellte sich ein schweres Herz und Gemüt ein, denn die Einsamkeit des Alleine-vor-sich-hin-Gärtnerns holte mich bald ein. 

„Der Bruch vom sozialen Leben mit Überstimulation zum Einsiedlerleben war zu drastisch.“ -

Ich hatte zwar jetzt eine Dorfgemeinschaft, die konnte jedoch nicht meinen mir liebgewonnenen Freundeskreis ersetzen. Natürlich hätte mir das vorher auch klar sein können, war es aber nicht. In Berlin sehnte ich mich ja nach dem Alleinsein, nach Arbeit mit den Händen und nach Natur. Ich hatte es unterschätzt und mir fehlte der Austausch. 
Auch körperlich stellte ich eine Veränderung fest. Raue Arbeiterhände, ständiger Hunger, weil Energienachschub gefragt war, und fortwährende Erschöpfung trugen nicht gerade zum Wohlbefinden bei. Schön fand ich mich aufgrund all der Veränderungen längst nicht mehr und auch meine Gedanken drehten sich irgendwann nur noch im Kreis.
War ich naiv an die Sache rangegangen und rannte ich vor mir selbst weg? Doch wenn das Experiment, das ich im bayerischen Thanheim angegangen war, einen Sinn haben sollte, dann war es an der Zeit, genauer hinzuschauen, was da in meinem Inneren passierte. Das hatte zur Folge, dass das vermeintlich stille Landleben zu einem persönlichen Erdrutsch führte und kein Stein mehr auf dem anderen blieb. 

„Denn nicht nur der Garten, auch Generationskonflikte und Beziehungssorgen ploppten auf, die ich vorher noch umschiffen konnte.“ -

Manches davon ließ sich lösen, anderes weniger und, Worst Case, ich musste kurz über lang auch meine Ehe hinterfragen. Nach über zehn Jahren Beziehung fanden Max und ich uns an einem Punkt wieder, von dem wir nicht geglaubt hätten, dass er je eintreten würde. Einiges lag im Argen, das konnte ich aber erst sehen, weil wir Zeit hatten, hinzuschauen. 
Manchmal lag es an meinem Perfektionismus und manchmal auch einfach nur daran, dass mir ein Ausgleich fehlte. Nicht nur, was die Arbeit betraf, sondern auch und vor allem, was mein soziales Leben anging. Mir fehlten die Gespräche mit meinen Freund:innen in Berlin. Ich war auf dem Land zwar nicht allein, aber sehr oft einsam. 
Und während ich diese Zeilen jetzt schreibe, lebe ich aktuell wieder in einer Stadt, doch diesmal allein. Leite am Nationaltheater Mannheim die Abteilung Marketing und Kommunikation und tue, was ich auch früher getan habe: im Kulturbereich arbeiten. Ich hinterfrage jetzt jedoch viel bewusster mein Tun, im Kleinen wie im Großen, und das habe ich dem Projekt Landleben zu verdanken. Ich besinne mich wieder auf mich selbst. 
Die Konfrontation nur mit mir und meinen Bedürfnissen, weg von gesellschaftlichen Vorgaben, hat zur Folge, dass ich mir selbst wieder zuhöre. Auch wenn der Preis, den ich dafür zahlen musste, ein hoher war, aber ihn nicht zu bezahlen, wäre ein noch höherer gewesen. Ich zolle meiner Entscheidung Tribut und mir dafür Respekt. Für den Mut, den ich bewiesen habe, mich und mein Leben in neue Bahnen zu lenken. Meine Oma besuche ich natürlich weiterhin – nur eben als Gast und nicht mehr als Mitbewohnerin.
Eure Laura 
Weitere Eindrücke und Learnings und Rezepte von Lauras Zeit auf dem Land gibt es in ihrem Buch „Wo Kraut und Rüben wachsen“.

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